Die Yogatradition

Es ist heute nicht mehr schwer, über den Yoga Informationen zu finden. Was Yoga bedeutet und wie er geübt wird, ist in vielen Büchern, Zeitschriften und im Internet zu lesen; es ist oft sehr schön und leicht verständlich beschrieben. Einige dieser Aussagen über Yoga scheinen mir jedoch recht festgelegt auf eine Sammlung von Techniken oder sogar festgefahren, so dass die Bedeutung dieses kostbaren Erbes, zur faden Übungstechnik reduziert, verkümmert.

Yoga wurde von unseren Ahninnen und Ahnen über Jahrtausende weiter entwickelt zu einer Hochkultur, einer ganzheitlichen Lebenskunst. Das heute im Westen bekannteste Yogaerbe, der Hatha Yoga, wurde in Indien über die Zeiten hinweg bewahrt, dort sehr lebendig gehalten und hat sich erst im letzten Jahrhundert über die Grenzen Indiens hinaus ausgebreitet.

Wenn wir Yoga richtig verstehen, können wir ihn, zeitlos und wandelbar in seiner äußeren Form, für jeden interessierten Menschen erlebbar machen.

Nachstehend werden einige Definitionen und Aussagen über Yoga zitiert, die erwähnenswert und aufschlussreich sind und das Bild, das viele bereits von Yoga haben, abrunden können.
Tieferes Verständnis für eine Übungsweise, die die spirituelle Entfaltung der Persönlichkeit verfolgt, kann jedoch nur die Praxis geben. Kein Buch, keine Abhandlung über Yoga und kein noch so treffender Erlebnisbericht können Yoga so gut verständlich machen, wie es die eigene Erfahrung vermag!

Yoga bedeutet "meditative Energiearbeit, die teilweise auf indische und teilweise auf vorbuddhistische schamanische Quellen in Tibet zurückgeht." Ulli Olvedi

"Yoga ist das Zurruhekommen der Denkbewegungen, das Ausgerichtetsein des Geistes auf einen Punkt." Yogasutra 1.2

"Jede Aktivität kann als Übung des Yoga angesehen werden, die mit den folgenden drei Qualitäten ausgeführt wird: Leidenschaft (im Sinne von Engagement, Anm. AD), Vernunft und Hingabe." R.Sriram

"Das Hauptziel des Yoga ist die Lehre des Weges zur Vereinigung der menschlichen Seele mit dem Höchsten Geist, der das Weltall durchdringt. Erlangung der Vollkommenheit." B.K.S.Iyengar

"Yoga ist eine komprimierte Form des Erwachsenwerdens." Rose Miram-Gatz

"Wenn Gedanken und Eindrücke in gleichmäßigem Strom den Geist durchfließen, sammelt sich der Mensch - das ist Yoga." Yogasutra 3.12

"Was immer wir bei der Erforschung unseres Inneren und des Weltraumes an Erkenntnis zu gewinnen vermögen, ist im System des Yoga enthalten." Marcus Bach

"Yoga ist eine unschätzbare Hilfe auf dem Weg zur eigenen Wesensidentität. ... Yoga ist der Weg aus der Dunkelheit ins Licht, in die Klarheit - und Yoga unterstützt den Reinigungsprozess von Körper, Geist und Seele." Bernd Bachmeier

"Es muß vor allem deutlich gemacht werden, daß das Wort "Yoga" einen Zustand betrifft, einen Zustand der Einheit, einen Zustand ohne Trennung, ohne Teilung." Gèrard Bliz

"Yoga ist die Einheit zwischen Körper und Geist mittels des Atems wiederherzustellen." R.Sriram

"Der Weg des Yoga ist einzigartig. Yoga ist einzig und allein eine Erfahrung, und die muß man erleben, um sie zu kennen."
Gérard Bliz

Ergänzt werden sollte, dass mit dem Wort "Yoga" auch der Weg benannt ist, der dabei hilft, in den Bewusstseinszustand "Yoga" zu gelangen. Es ist also nicht falsch, bei dem Wort "Yoga" an Übungstechniken zu denken:
"Der Zustand des Yoga kann erreicht werden durch das Üben von Yoga." Yogasutra

Mythologie

Shiva, der als Teil der Trinität der Schöpfung (Erschaffen, Erhalten und Zerstören) im Hinduismus den Part des Zerstörers inne hat, gilt auch als der Herr des Yoga. Yoga bezeichnet in seinem Wortstamm das "Joch", das zwei Dinge miteinander verbindet, bzw. zu einer Einheit werden lässt.
Sakala Shiva, der Shakti-Shiva, meint die Eins gewordene Dualität. Hier trägt Shiva auf seinem Haupt, an dem Ort des Kronenchakra, die Mondsichel. Das Kronenchakra steht für die Einheit von allem, was ist. Die Mondsichel ist ein vollkommen weibliches Symbol, geprägt durch den Rhythmus des Werdens und Vergehens im weiblichen Zyklus.
Sie gilt in den meisten Kulturen der Erde als das Symbol für die Göttin, die in ihren vielfältigen Erscheinungen als Qualität und Ausdruck weiblicher Eigenschaften gilt. Die archetypische Zuordnung des Weiblichen zu (nächtlicher) Intuition, Traum oder Innenschau ermöglicht die Offenbarung des Mysteriums und deren Eingreifen in das Tagesbewusstsein mit seinen klaren Sinnen und dem Bewussten verständlichen Strukturen.
Auch in der Mythologie um die Göttin Freya, die im keltischen bzw. nordeuropäischen Raum als Symbol für Fruchtbarkeit und Sexualität gilt, ist die Mondsichel eigen. Freya besaß mehr magisches Wissen als alle Götter. Ihr Wissen wurde als seidr bezeichnet, was mit dem Sanskritwort siddhi verwandt ist. Siddhis sind wunderbare Kräfte, die sich durch Yogapraktiken entfalten.

Nebenwirkungen

Die direkt spürbare Auswirkung der Yoga-Übungstechniken, die so förderlich sind für unsere Gesundheit, ist eigentlich nur eine Nebenwirkung!
Viele Menschen üben heute Yoga wegen genau dieser Nebenwirkungen: der Körper wird gelenkiger, geschmeidiger, der Rücken gestärkt, wir dehnen und entspannen, kräftigen und gleichen aus. Die Organ- und Sinnesfunktionen werden angeregt, der Körper entgiftet, der Kreislauf stabilisiert, der Stoffwechsel und die Verdauung reguliert... darüber hinaus wird die Konzentrationsfähigkeit erhöht und Stress abgebaut, Körper und Geist kommen zur Ruhe. Das Unterbewusstsein, quasi unsere innere Stimme, die geprägt ist durch Erfahrungen und die sich uns über Emotionen, Träume oder auch Krankheiten mitteilen will, erhält neue Impulse. D.h. das Unbewusste erfährt über die Körperhaltungen, Atemmuster oder Meditationsangebote aus dem entsprechenden Yoga-Übungsprogramm eine Irritation seiner bisherigen Prägung (die eigentlich eine geistige Prägung ist) und kann sich mit neuen Ausrichtungen auseinander setzen. So gewinnen wir Veränderung. Eine Kraft, die uns aus der Mitte heraus zufließt, schenkt uns innere Harmonie. Ein Heilungsschritt ist getan.
Heilung, im Sinne von Susun S. Weed ist in der "Tradition der Weisen Frau" der Weg zum Heil Sein = Ganz Sein: die Ganzheit und Vollkommenheit erkennen in allem, was ist. Ohne Dualismen oder Dogmen, durch einfaches Nähren, Beruhigen und Stärken. So erfährt die Persönlichkeit das, was wir Heilung nennen. Yoga verhilft uns dazu.

Die 4 Yogapfade

Sie fließen oft zusammen und ergänzen oder bedingen einander.

1. Jnana Yoga = der Yoga des verstandesmäßigen Begreifens und der intellektuellen Analyse der göttlichen Wahrheit. Der Geist wird dazu benutzt, seine eigene Natur zu hinterfragen. Durch das Studieren heiliger Schriften und traditioneller Philosophien wird der Yoga erfahren.

2. Bhakti Yoga = der Yoga der vollkommenen inneren Hingabe an das Göttliche. Durch Rezitieren heiliger Gesänge und Schriften und durch hingebungsvolles Beten wird der Yoga erfahren.

3. Karma Yoga = der Yoga des bedingungslosen und selbstlosen Dienstes am Nächsten. Durch das erwartungslose Tun um der Handlung selbst willen, wird der Yoga erfahren.

4. Raja Yoga = der Yoga der Geisteskontrolle. Der Geist wird analysiert und beobachtet. Ziel ist es, ihn dadurch kennen und beruhigen zu lernen um still ausgerichtet in Meditation verweilen zu können. Der dadurch entstehende Zustand ist die Balance zwischen Wollen und Sein, ein absichtsvolles Geschehenlassen, die Erfahrung des Yoga: ganz entspannt im Augenblick.
Zu diesem Pfad gehört der Hatha Yoga, der sich Körper und Atem für diese Verwirklichung zu Hilfe nimmt.

Yoga im Abendland

Nach mehreren Jahrzehnten der Yogatradition in Europa ist es heute nicht mehr nötig, nach Indien zu reisen um guten Yogaunterricht zu erhalten. Die kulturelle Barriere zu diesem Land, dessen Menschen mit ganz anderen Werten aufgewachsen sind als wir, ist sehr groß. Sie muß erst überwunden werden, um wirklich in Kontakt kommen zu können mit dem Herzschlag Indiens.
Das tiefe Verständnis für die gesellschaftlichen, sozialen und emotionalen Prägungen der Menschen des Abendlandes, die sich auch körperlich niederschlagen, ist unter Menschen des gleichen Sprachraumes jedoch viel einfacher.
Yogalehrende hierzulande kompensieren die Barriere und machen den Yoga dadurch direkter zugänglich. Unsere anders gebauten, meist viel steiferen Körper, unsere psychischen Gegebenheiten durch das soziale Leben in unserem Land oder Belastungen durch Stress und unsere erziehungsbedingten Einstellungen zu Spiritualität können besser berücksichtigt werden.

Die gewachsene Kultur der alten Yogatradition in ihrem Ursprungsland zu erfahren vertieft jedoch für viele Yogaübende das Erlebnis lebendiger Spiritualität im Alltag.
Die Menschen des Abendlandes sind heute dabei, sich dieser Lebenskultur zu öffnen, sie hier in ihr Alltagsleben zu integrieren und damit eine heilsame Verbindung zu schaffen in unserer Welt, die Eine Welt ist.

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