Krafttiere, Heiltiere, Schutztiere

Unsere magischen Helfer

In fast allen Mythen und Märchen der Welt begegnen uns Tiere und fabelhafte Wesen. Ich denke dabei an den Raben oder die schwarze Katze auf der Schulter einer Hexe, an den Drachen der einen Schatz behütet, an die Kobra um den Hals Shivas, den Gevatter Wolf oder einen schillernden Fisch, der Wünsche erfüllt.
In vielen alten Geschichten bekommen Menschen die in Gefahr sind, Unterstützung aus der Tierwelt. In einigen Erzählungen verhält es sich auch so, dass zuerst die Tiere aus Dankbarkeit für einen Dienst ihre magischen Substanzen verschenken: eine Schuppe, eine Feder, ein Haar - und später dann damit gerufen werden können.

Wer im Blute eines Drachen badet, der wird unverwundbar und versteht die Sprache der Vögel. Andere müssen bestimmte Aufgaben erfüllen, um verzauberte Angehörige dadurch von dem Fluch zu befreien, in Tiergestalt leben zu müssen und damit die Macht dieses Fluches zu entkräften.
Unsere Märchen- und Sagenwelt ist voll von solchen Berichten und wir können daraus schließen, dass die mystischen Begegnungen mit Tieren in diesen Überlieferungen keine bloßen Metaphern sind. Sie beruhen vielmehr auf tiefen Erfahrungen, die Menschen gemacht haben und noch machen! Sehr oft waren/sind Erfahrungen mit Krafttieren Bestandteil von Initiationen in einen neuen Lebensabschnitt. Viele Schamanen der Erde sind in Kontakt mit diesen Wesen.

Wie können wir nun dieses wunderbare, zauberhafte Gefolge aus der Tierwelt kennen lernen und an ihren besonderen Kräften teilhaben?
Unser innerer Bezug zu Tieren ist sehr groß. Ihre Anwesenheit wirkt oft beruhigend, belustigend oder aufmunternd. Der Bezug zu den Wesen aus der schamanischen Wirklichkeit verleiht uns mehr Eigenmacht oder beschenkt uns mit Fähigkeiten, die wir sonst nicht haben. Fliegende Wesen z.B. bringen uns in andere Welten (wie etwa Fuchur in „Die unendliche Geschichte“), Einhörner verleihen uns Klarheit, und der Wolf, der das Rotkäppchen und die Großmutter frisst, dient dadurch als Transmittler in die Unterwelt - die Abgeschiedenheit, in der eine Initiation stattfindet:
In alten Kulturen war es Brauch, dass junge Mädchen, wenn sie das erste Mal bluteten (rotes Käppchen) von ihrer Familie getrennt wurden, um von den Alten (Großmutter) in den magischen Bräuchen der Sippe unterwiesen zu werden.

In seltenen Fällen jedoch sind unsere Krafttiere tatsächlich verkörpert. Dann aber begleiten sie uns zum Beispiel als Haustiere, die uns ganz besondere Erlebnisse bereiten, oder als Wildtiere, die uns ungewöhnlich oft begegnen, möglicherweise ganz in unserer Nähe wohnen und uns gegenüber ein besonderes Verhalten zeigen.(Beispiel: „Der mit dem Wolf tanzt“).
Meistens sind Krafttiere Wesen der so genannten Anderswelt oder Geistwelt, Geschöpfe, die wir kennen lernen können, die wir anrufen und um Unterstützung bitten können - so, wie Freunde. Sie begleiten oder leiten uns oft sogar, ohne dass wir es wissen.
Einige dieser Wesen sind immer da, andere nur eine kurze Zeit lang, z.B. für die Dauer eines Prozesses oder einer Veränderung im Leben. Sie stellen uns Ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten zur Verfügung. So gibt es welche, die beispielsweise unsere Kreativität entfachen damit uns eine Arbeit leichter von der Hand geht. Andere Tiere stehen für Schutz vor Gefahren oder wir rufen das Tier, das uns für unser persönliches Wachstum die meiste Kraft schenken kann.

Meiner Erfahrung nach ist dies von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich und jede(r) hat seine/ihre individuellen persönlichen Wesenheiten, von denen er/sie begleitet wird. Dennoch gibt es in der Mythologie ganz klassische Zuordnungen, die die Urkraft einiger Tiere charakterisieren.
Raben, schwarze Katzen, aber auch Schlangen, Echsen, Kröten, Spinnen oder Fledermäuse sind die Tiere der „Dunklen Göttin“, der Unterweltkönigin, die unsere bestgehüteten Geheimnisse bewahrt, uns in das Reich des Unbewussten führt und die verborgenen, von den meisten Menschen sehr wenig gelebten Kräfte hervor lockt, wie zum Beispiel Hellsehen, Magie und Zauberkraft.

Bären stellen den Bedarf des Rückzuges dar, in ein kuscheliges Nest, eine Höhle, warm, behütet und sicher, wie im Mutterleib sein, das können Bären uns schenken.
Frösche und Kröten locken inneren und äußeren Reichtum an...die Liste wäre noch lang fortzusetzen.

Grundsätzlich sind alle Menschen mit der Anlage, die Fähigkeit mit den eigenen Kraft- oder Schutzwesen in Kontakt zu kommen, ausgestattet. Das erfordert jedoch für die meisten eine Zeit des Lernens (so, wie wir ja auch schreiben lernen müssen!). Zauberkraft, Hellsichtigkeit oder Telepathie sind keine Märchen, sondern besondere Fähigkeiten, so genannte Siddhis. Unser größtes Problem dabei ist, dass wir nicht daran glauben, es zu können! Wir müssten tatsächlich das, was uns vorgelebt und anerzogen wurde, zuerst wieder vergessen!

Doch zurück zu den Krafttieren in der Mythologie. Adler z. B. sind die Vögel der Seele und werden mit Blitzen oder Feuergöttern assoziiert. Adler wurden als Steinfiguren an den Frontgiebeln von Tempeln und Schlössern befestigt, damit sie als magische Blitzableiter dienen sollten.
Fische galten als Yonitiere. Das oval zugespitzte Zeichen der Yoni, bekannt als „Gefäß des Fisches“ war ein über die ganze Welt verbreitetes Symbol für die „Große Mutter“, die in vielen Kulturen als Fischgöttin dargestellt wird (z.B. Kwan-Yin = Yoni aller Yonis).

Die Schlangen jedoch haben eine ganz besondere magische Kraft. Auf Grund ihrer Häutungseigenschaft symbolisieren sie die Wandlungsfähigkeit und Änderungsbereitschaft der Menschen und die Erneuerung des Lebens. Im Altertum wurde allgemein geglaubt, dass Schlangen nicht wie andere Tiere sterben, sondern indem sie sich häuten, wiedergeboren werden. In Italien gibt es den Ausdruck: „Älter sein als eine Schlange“, womit Schlangendasein und ewiges Leben aufeinander bezogen werden. Im Hinduismus war die „Unendliche Ananta“ die Schlangenmutter, die Vishnu und andere Götter während ihrer „toten“ Phase umarmte.

Sie ist auch die Kundalini des Menschen, die sich schlangenhaft zusammengerollt im Becken befindet und durch die richtige Übungspraxis dazu gebracht wird, durch das Rückgrat zum Kopf hin aufzusteigen und das Erwachen und die Erleuchtung zu bringen. Ähnlich ist auch die Bedeutung der biblischen Schlange im Garten Eden. Sie bietet den Menschen die Möglichkeit aus dem Paradiesgarten der Unwissenheit in das Licht des Wissens zu gelangen (Genesis 2,15 und 3,22). Die Lehre der Schlange ermöglicht es den Menschen gegen den Willen der Götter und Göttinnen den Tod zu überwinden und göttlich zu werden. Schlangenmythen und Schlangentempel existier(t)en auf der ganzen Welt. Die Schlange ist Retterin der Menschheit, Orakelpriesterin, magische Helferin, Heilerin, Unterweltsgottheit oder Symbol für Geburt, Tod, Licht, Dunkelheit. Es gibt die Weltenschlange als Schöpferin, Verkünderin und das Mahabharata, ein indisches Volksepos sagt, dass der Polarstern die „Höchste Schlange“ Vasuki ist.

Der Wolf und die Wildsau sind weitere interessante Wesen aus der schamanischen Wirklichkeit. Im Mittelalter galten sie als heilige Totemtiere vieler europäischer Clans und Königshäuser. Wolfsmütter spielten auch in den Lebensbeschreibungen vieler heidnischer Heroen eine bedeutende Rolle. Die Wildsau verkörperte als die Saugöttin den Todesaspekt der „Großen Mutter“, z.B. in den Kulturen der keltischen Cerridwen oder der germanischen Freya, die als Todesgöttin den Titel Syr = Sau trug. Das Selbstopfer Vishnus in Gestalt eines Ebers wiederholte sich in westlichen Mythen wo der Gott Orkas Herr des Todes war. Die Orkney-Inseln waren einst der verschlingenden Sau geweiht.
So finden sich in den Sagen und Mythen der Welt noch zahllose Beispiele für den starken Einfluss, den Tiere auf das Leben der Menschen hatten und bis heute haben.

Um diesen Bezug aufleben zu lassen, bedarf es zunächst deiner Bereitschaft, eine verbindliche Beziehung mit Ihnen eingehen zu wollen. Sicher musst du einige Glaubenssätze vergessen und dann wach sein und aufmerksam in deinem Alltag die Tiere um dich herum beobachten. Keine vorgefertigte Meinung, kein Wunsch und keine Vermutung dürfen dich dabei beeinflussen! Vielleicht zeigt sich dir dann dein Krafttier!
Es wird anders sein als mit allen anderen Tieren! Es wird überwältigende Freude oder große Angst hervorrufen und es wird dir deine verwundbare Stelle zeigen, oder dir helfen, ein Rätsel zu lösen oder dich direkt in die Höhle geleiten, in der der Schatz schon auf dich wartet… Wer weiß?

Antonia Dittrich

Aus eigenen Erfahrungen und Anregungen von Barbara G. Walker, Robert von Ranke-Graves und Buffie Johnson.

*) Abbildungen aus dem Keltischen Drachen Tarot mit Erlaubnis der Firma AGM AGMüller, Neuhausen/Schweiz. © 2001 AGM.

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